Wenn ein Lachen glaubwürdiger ist als ein Limit

Wenn ein Lachen glaubwürdiger ist als ein Limit
Photo by Tasha Kostyuk / Unsplash

„Aber sie hat doch gelacht“

Seit Tagen begleitet mich dieser Satz.

Ich weiß, er war „nicht so gemeint“. Aber er macht etwas mit mir. Ich fühle mich unverstanden, verletzt. Es sind Gefühle, die ich mir mit ME/CFS eigentlich gar nicht leisten kann. Und trotzdem sind sie da. Obwohl es doch im Grunde nur um unterschiedliche Perspektiven geht.

Wie kam es dazu?

Es war ein nettes Gespräch, ein Kaffee und ein bisschen Lachen. Ein warmer sozialer Augenblick, der von außen wie Normalität wirkt. Der schon allein durch Lachen leicht aussieht.

Und es doch nicht ist.

Wer mit mir am Tisch sitzt, sieht nicht nur meinen Timer, der - je nach Tagesform - auf 15 bis 30 Minuten eingestellt ist. Man sieht anfangs auch meine Zurückhaltung, denn ich weiß ja, wie Emotionen auf mein Nervensystem wirken. Aber schon nach ein paar Minuten verändert sich etwas. Ich kann nicht anders, bin plötzlich mittendrin, reagiere schneller, gestikuliere – und mein Gesicht wird immer lebendiger. Von außen sieht das nach Aufblühen aus. Nach Energie, die sich entfaltet.

Im gleichen Augenblick beginnt in mir drin etwas anderes.

Während ich spreche, merke ich, wie mein Körper von Minute zu Minute enger wird. Die Worte kommen nicht mehr von selbst. Ich suche nach ihnen - finde sie erst spät oder gar nicht. Das Sprechen selbst wird anstrengend, wird zur Aufgabe und meine Zunge fühlt sich schwer an. Silben rutschen ineinander, fast wie bei jemandem, der zu viel getrunken hat. Für mich fühlt sich das eindeutiger an, als es von außen sichtbar ist, denn andere sehen vielleicht nur ein kleines Stolpern.

Der Timer läutet genau im richtigen Moment das notwendige Ende ein.

Für meinen Besuch aber sieht es so aus, als ob da noch etwas gehen würde. Aus der äußeren Perspektive ist das logisch. Lachen sieht aus wie Kapazität. Wie Spielraum. Wie ein Zeichen, dass der Moment noch trägt. Wer gestikuliert und mitgeht, wirkt nicht wie jemand am Limit. Und genau an dieser Stelle entstehen Sätze wie: Aber sie hat doch gelacht.

Diese Sätze, die mich treffen und lange beschäftigen - weil in ihnen mitschwingt, dass ich zu früh aufgehört habe.

Aus meiner Perspektive war dieses Mitgehen kein Überschuss. Es war eher ein sozialer Moment, in dem mein System kurzfristig auf Aktivierung geschaltet hat, um mitzuhalten. Aber es lief auf Reserve. Vielleicht auf Adrenalin. Ein kurzer heller Abschnitt, während im Hintergrund längst abgebaut wird.

Es war schön. Und es war vorbei. Nicht trotz des schönen Moments, sondern mitten in ihm. Vielleicht ist das die eigentliche Verschiebung: dass jemand von außen lebendig wirkt und innen am Ende ist. Dass beides gleichzeitig wahr sein kann, auch wenn es schwer zusammenzudenken ist.

Und es ist vielleicht auch die Antwort auf die Momente, in denen dieser Satz wiederkommt. Nicht indem ich ihn wegdiskutiere. Nicht indem ich meine Realität verschiebe. Sondern indem ich mich daran erinnere, dass mein Körper nicht verhandelt hat.

Er hat gesprochen.

Ein Lachen macht mein Limit nicht unwahr. Ein schöner Moment hebt meine Grenze nicht auf. Und über diese Grenze hinauszugehen ist kein Spielraum – sondern etwas, das ich später tragen muss.

Selbst wenn andere nur das Lachen sehen – und darunter so vieles im Verborgenen bleibt – bleibe ich in Kontakt mit dem Teil in mir, der meine Ressourcen kennt.

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