Fehler machen verboten
Ein persönlicher Beitrag von Jürgen
Es ist Samstagabend. Draußen geht die Sonne unter, es ist noch immer sehr warm.
Ich stehe vor meinem Regal, blättere in alten Tagebüchern und stoße auf Eintragungen von 2022. In diesem Jahr wurde bei Tanja endgültig sichtbar, wie sehr die ME/CFS-Erkrankung ihr Leben inzwischen verändert hatte.
Nachdem ich einige der Seiten gelesen habe, bin ich den Tränen nahe. Mir wird schmerzhaft bewusst, wie sich in den letzten vier Jahren unser gemeinsames, aber auch ganz speziell mein Leben verändert hat. Vor allem aus Sicht meines Verhaltens.
Während ich früher spontan und auch unbedacht handeln konnte, gilt heute für mich ein existenzielles Prinzip: „Fehler machen verboten“.
Ich darf in der Nähe von Tanja nicht unbedacht eine zu laute Lebensmittelverpackung aufreißen, ich darf nicht zum falschen Zeitpunkt ein Fenster öffnen oder schließen, ich darf keine Gabel vom Teller fallen lassen. Natürlich darf ich auch keinen Transport zum Arzt oder Physiotherapeuten vergessen, keine Tabletten verwechseln oder Lebensmittel mit Auswirkungen auf ihr Mastzellenaktivierungssyndrom einpacken.
Kurz zusammengefasst: Alles, was zuhause passiert, muss maximal geplant, durchdacht und äußerst vorsichtig passieren. Schließlich kann jede falsche Aktion zum Crash und weiter zum irreversiblen „Point of No“ Return führen.
Was die Angst vor den genannten Fehlern mit mir macht, lässt sich leicht vermuten.
Ich wache morgens auf und stehe sofort und bis abends unter Dauer-Spannung.
Ich stelle fest, dass ich etwas vergessen habe und ich bin panisch.
Ich muss eine Entscheidung treffen – nicht mal unbedingt im pflegerischen Umfeld – und prüfe die Optionen fünf Mal, um dann am Ende doch nichts zu kaufen oder zu investieren. Es könnte sich damit ja eine negative Folge verbinden.
Dass mir bei dieser emotionalen Ausnahmesituation von außen niemand helfen kann, aber auch niemand helfen wird, ist mir längst klar. Dies gilt für private Personen, dies gilt aber speziell für Organisationen, die sich Hilfe in Not als Selbstvermarktung zuschreiben.
Und trotz aller täglichen Herausforderungen und Anstrengungen: Ich habe einmal vor Gott geschworen „in guten wie in schlechten Tagen“. Daran halte ich fest.
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