Die drei Stunden, die ich erst Jahre später verstanden habe

Die drei Stunden, die ich erst Jahre später verstanden habe

Ich liege auf dem Bett, unfähig, mich zu rühren. Mein Blick geht starr geradeaus Richtung Decke. Neben Armen und Beinen kann ich plötzlich auch den Kopf nicht mehr bewegen. Ich will rufen. Keine Chance. Meine Stimme gehorcht mir nicht. Nicht einmal ein Krächzen kommt über meine Lippen. Mein Herz rast. Ich bekomme alles mit und fühle mich gleichzeitig, als wäre ich in meinem Körper eingeschlossen. Immer wieder versuche ich, Arme und Beine anzusteuern. Nichts.

Was ist hier los? 

Was geschieht hier mit mir?

Und dann kommt noch ein Gedanke: Hoffentlich kommt bald jemand. Ich will nicht aus Versehen ins Bett machen. Das wäre zu peinlich.

Erst Jahre später sollte ich verstehen, wie ich überhaupt in diese Situation geraten konnte.

Ich war wegen meiner Depressionen in einer psychosomatischen Reha und hatte die erste Sporteinheit an der Kletterwand hinter mir. Wobei „hinter mir“ wohl zu viel gesagt ist, denn auf mehr als zwei Meter Höhe hatte ich es nicht geschafft: Schon nach wenigen Tritten hatte ich keine Kraft mehr, mich auch nur einen Millimeter weiter nach oben zu ziehen. Meine Muskeln fühlten sich plötzlich an wie Wackelpudding, und ich hatte das Gefühl, als hätte ich eine zwölfstündige Bergbesteigung hinter mir.

Die Therapeutin sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Für sie wirkte es offenbar so, als würde ich mich nicht genug anstrengen. Sie sagte, ich müsse wohl härter trainieren, damit das beim nächsten Mal besser klappt, und wandte sich ab.

Ich saß auf einer Bank in der Turnhalle, konnte kaum noch klar denken und wusste nicht einmal, wie ich es in mein Zimmer schaffen sollte. Ohne die Hilfe einer Mitpatientin würde ich wahrscheinlich heute noch dort sitzen.

Im Zimmer schaffte ich es gerade noch, mich hinzulegen. Ich war allein, und es fühlte sich an, als hätte mein Körper einfach abgeschaltet. Gleichzeitig hatte ich Angst. Nicht die Angst, die zuerst da ist und dann körperliche Symptome auslöst. Sondern die Angst, die man hat, wenn im eigenen Körper etwas geschieht, das man nicht versteht.

So lag ich dort ungefähr drei Stunden. Niemand kam herein. Niemand fragte nach mir. Irgendwann ließ die Lähmung langsam nach. Erst waren es die Finger und Zehen, die ich wieder spürte. Und nach und nach konnte ich Arme und Beine wieder bewegen. Tränen der Erleichterung liefen über mein Gesicht. Endlich konnte ich mich bemerkbar machen.

Ein Arzt wurde hinzugezogen, und seine Erklärung lautete: Panikattacke.

Damals nahm ich das hin. Ich hatte ja eine Depression, also erschien mir diese Erklärung erst einmal plausibel. Auch wenn ich danach einige Tage nicht an den Therapien teilnehmen konnte. Ich fühlte mich krank. Nicht ängstlich, nicht angespannt, sondern wie bei einer Grippe. Mein Körper war erschöpft. Alles war schwer und tat weh. Dazu diese schrecklichen Kopfschmerzen.

Heute würde ich diese Episode nicht mehr als Panikattacke einordnen, sondern als schweren Crash. Inzwischen weiß ich, dass PEM bei mir nicht nur verzögert auftreten kann, sondern bei starker muskulärer Belastung auch unmittelbar einsetzen kann. Fast wie eine Notabschaltung. Vielleicht hatte sich aber auch schon vorher genug Belastung angesammelt und die Kletterwand war der Moment, in dem das Fass überlief. Für mich fühlt es sich heute allerdings eher so an, als hätte die Kletterwand die Reaktion unmittelbar ausgelöst.

Panikattacken vergehen, wenn die Angst vergeht. Das hier brauchte Tage, bis es besser wurde. Eine solche Lähmung erlebte ich nie wieder, aber etwas anderes blieb: Selbst leichter Sport führte regelmäßig zu tagelanger Erholungszeit. Keine Muskelkater-Erklärung passte dazu. Ich wusste nur eins: Mit meinem Körper stimmte etwas nicht. Aber einen Namen dafür hatte ich nicht.

Jahre später erhielt ich die Diagnose ME/CFS. 

Und plötzlich bekam diese Erinnerung eine neue Bedeutung. Alles passte zusammen: die körperliche Belastung, die unmittelbare Verschlechterung, die ausgeprägte Schwäche, die Unfähigkeit, Arme und Beine zu bewegen, die tagelange Erholung danach. 

Heute weiß ich: Ich habe ME/CFS und Depressionen.

Und heute denke ich bei jedem Crash an diese drei Stunden zurück.

An die Angst von damals, an das Gefühl, klar denken, aber nichts bewegen zu können. Und daran, wie hilflos ich der Situation ausgeliefert war.

Diese drei Stunden sind vorbei.
Verstanden habe ich sie erst Jahre später.
Aber vergessen werde ich sie vermutlich nie.

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