Nachtgedanken

Nachtgedanken
Photo by Noah Silliman / Unsplash

„I’m a Survivor.“

Es ist 4:18 Uhr. Ich liege wach und seit einer Weile läuft unaufhörlich dieses Lied in meinem Kopf. Noch halb im Schlaf hatte es schon etwas Drängendes, als wollte es mir unbedingt etwas sagen.

Immer wieder die Melodie, der Refrain „I’m a Survivor.“

Ja – das würde ich gerne über mich sagen. Ich wäre so gerne die, die sagen kann: Ich habe es überlebt.

Eine Überlebende. Wie sich das anhört.

Von einer Krankheit, die nicht auf den ersten Blick tödlich ist – und doch Leben verhindert. Die jeden Tag ein bisschen mehr zum Gefängnis wird und an manchen Tagen etwas von Folter hat. Die Menschen an Grenzen bringt, die kaum auszuhalten sind.

Und die auch dort lebensbedrohlich werden kann, wo man es von außen nicht sieht: Wenn der Körper keine Nahrung mehr verträgt. Wenn selbst Schlucken zu viel Kraft kostet. Wenn Unterstützung fehlt, die eigentlich selbstverständlich sein sollte.

Auch das gehört zu ME/CFS.
Und es ist ein Teil der Realität, der selten benannt wird.

Während ich das denke, merke ich, wie nah diese beiden Möglichkeiten nebeneinander liegen: die, die sagen kann, ich habe überlebt – und die, die es nicht schafft.
Beides ist möglich.

Heute Nacht spüre ich beides. Die Sehnsucht nach der einen Seite. Und die Angst vor der anderen.

Ich bin nicht danach. Ich bin mittendrin. Vielleicht ist es genau das, was es so schwer macht – dass es keinen klaren Punkt gibt, an dem etwas entschieden ist.

Und während ich darüber nachdenke, läuft dieses Lied weiter.
I’m a Survivor.
Und ich frage mich, ob das für mich stimmt.

Wenn ich zurückblicke, wirkt vieles wie aus einem anderen Leben. 2022 konnte ich noch reisen, 2024 sogar noch einmal nach Malaga. Heute ist das kaum vorstellbar.

Ich denke an das Bild, das mir Jürgen vorhin geschickt hat. Drei glückliche Gesichter am spanischen Strand. Tränen steigen in meine Augen. Wie gerne wäre ich dabei gewesen. Hätte diesen Augenblick so gerne mit ihnen zusammen erlebt. Die Meeresluft eingeatmet, den Wind in meinen Haaren gespürt und den Wellen zugesehen.

Werde ich das Meer noch einmal sehen können?

Mit dem Flugzeug zwölf Stunden von Tür zu Tür, mit dem Auto mindestens 15 und eine Zwischenübernachtung. Und ich frage mich, ob es aushaltbar wäre. Wahrscheinlich würde ich es überstehen. Aber zu welchem Preis? Was wäre danach noch übrig?

Diese Frage ist geblieben. Und sie ist größer geworden.

Mein Leben ist enger geworden, Schritt für Schritt. Ich merke, wie sich mein Spielraum verkleinert, wie die bin, die inzwischen fast nur zu Hause bleibt. Und ich möchte das nicht sein. Ich möchte nicht diejenige sein, die zurückbleibt, während das Leben der anderen weitergeht.

Gerade jetzt, allein zu Hause, merke ich, wie viel mir Jürgen abgenommen hat. Kleine Gänge, Mahlzeiten.  Ich komme klar – wenn ich mich auf das allernötigste beschränke. Mahlzeiten, ein bisschen Hygiene und ein oder zwei kurze Telefonate mit Jürgen – mehr ist nicht drin.

Manche Dinge verschieben sich so weit, dass sie fast nebensächlich wirken und gleichzeitig so viel Raum einnehmen. Haare waschen zum Beispiel. Im Moment geht es nicht. Also warte ich – bis Jürgen wieder da ist.

So sieht es gerade aus.
Und während ich hier liege und das alles denke, läuft dieses Lied weiter.

I’m a Survivor.

Ich weiß nicht, ob ich das irgendwann einmal sagen kann. Noch nicht.

Im Moment kann ich nur sagen: Ich bin noch da.
Und vielleicht ist genau das gerade mein Überleben.

Vielleicht ist es das, was dieses Lied mir sagen wollte.
Kein großes „I’m a Survivor“.

Sondern einfach nur:
Hang in there.

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