Mitfahren ist genauso anstrengend

Mitfahren ist genauso anstrengend
Bild von Creative_Media_Imaging auf Pixabay

„Papa wach auf!!!“ – Unzählige Male musste ich das zu meinem Vater sagen und ihn dabei schütteln, weil er wieder einmal am Steuer eingenickt war. Nur so konnte ich als Kind in diesen Situationen verhindern, dass der Wagen ungebremst auf ein anderes Auto oder gar einen LKW auffuhr. Kein Wunder, dass ich ungern mit ihm alleine irgendwo hin gefahren bin. Kein Wunder, dass mich das bis heute zu einer lausigen Beifahrerin macht. Ich weiß genau, dass mein Mann ein umsichtiger Fahrer ist, der vorausschauend und sicher fährt. Dennoch sitzt die kindliche Erfahrung tief. Lässt mich auch heute noch am liebsten alles selbst unter Kontrolle haben. 

Und so sitze ich jedes Mal sehr angespannt auf dem Beifahrersitz: Ich passe auf wie ein Luchs und habe alles Blick. Achte darauf, ob mein Mann früh genug reagiert und bremse sehr oft mit. Augen zu machen und schlafen? Das ist nur in Ausnahmefällen möglich. Das geht nur dann für ein paar Minuten, wenn ich so müde bin, dass ich die Augen nicht mehr offen halten kann. Natürlich verbraucht dieses aktive Mitfahren enorm viel Energie und muss unbedingt beim Pacing berücksichtigt werden. Und dass es viel besser für mich wäre, wenn ich mich einfach entspannt hinsetzen und von A nach B fahren lassen könnte ist auch klar. Aber das ist leichter gesagt als getan. Ich beneide die Menschen, die sich einfach das Nackenkissen umlegen, Kopfhörer und Schlafbrille aufsetzen und dann relativ ausgeruht am Zielort ankommen.  

Doch auch wenn man nicht wie ich diese Kindheitserfahrungen gemacht hat: Wie anstrengend es gerade für ME/CFS-Betroffene ist, „nur“ als Beifahrer unterwegs zu sein, wird vielerorts massiv unterschätzt. Denn es ist so viel mehr als sich in ein Auto zu setzen und gefahren zu werden. Es sind so viele Eindrücke und Reize, die während der Fahrt auf uns einprasseln: die Bewegung des Fahrzeugs, andere Autos und die sich rasant verändernde Landschaft. Dazu die Licht-, Temperatur- und Wetterverhältnisse. Obendrauf wird man manchmal von maroden Straßen regelrecht durchgeschüttelt. Und dann tun auch noch Geräusche wie das Klackern des Blinkers, der Fahrtwind und die Abrollgeräusche der Reifen ihr übriges.

Aber damit nicht genug: Als weitere nicht zu unterschätzende Reize hätten wir da noch die Motorengeräusche, Hupen, Martinshorn oder die hämmernden Bässe von anderen Verkehrsteilnehmern im Angebot. Unterhält man sich dann während der Fahrt auch noch mit dem Partner und das Radio läuft, summieren sich Eindrücke und Belastung auf ein Maximum - oder gar ins Unerträgliche.

Für mich gibt es ein paar Dinge um die Belastung zu reduzieren und ganz oben auf meiner Liste steht Kopfhörer und Schlaf- oder Kategorie 4-Sonnenbrille aufsetzen. Damit kann ich viele Eindrücke ausblenden oder zumindest reduzieren. An manchen Tagen - gerade bei kurzen Fahrten - reicht aber auch schon der Verzicht auf Radio und Gespräche. Und an das Wohlfühlen zu denken lohnt sich ebenfalls: eine Decke falls mir kalt wird, ein Nackenkissen und etwas zum Trinken ist immer mit dabei. Ich hoffe sehr, dass auch ich eines Tages in der Lage bin nach einer längeren Autofahrt ganz entspannt Kopfhörer und Schlafbrille abzunehmen und noch genügend Energie für die anstehende Aktivität zu haben.

Wie anstrengend ist es für Euch als Beifahrer mitzufahren? Was tut Ihr um die Reize zu minimieren?

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