Der Mann, der durch ME/CFS zum Hilfsfriseur wurde

Der Mann, der durch ME/CFS zum Hilfsfriseur wurde

Ein Angehörigenblick

Es ist Samstag, kurz nach neun Uhr morgens. Vor mir liegt eine ganz besondere Aufgabe: Ich helfe meiner Frau, ihre Haare zu waschen und diese danach trocken zu fönen.

Die Zeit im Bad ist für uns inzwischen ein kleines Ritual. Wir erzählen uns kurze Episoden aus der Vergangenheit und lachen. Akkurat achten wir aber auch auf das Pacing. Fast immer ist es so, dass vor dem Haarefönen eine Pause notwendig ist. Entweder bleibt Tanja auf dem Badhocker sitzen oder sie legt sich nochmal ins Bett. Mal dauert die Pause zehn Minuten, mal eine halbe Stunde, je nach Tagesverfassung manchmal auch noch mehr.

Wenn ich auf meine Frau warte, kommt mir eines immer wieder in den Sinn: Nie hätte ich mir vorstellen können, dass ich einmal die Aufgaben eines „bestellten Brausen- und Fönhalters“ übernehmen würde. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern schlicht, weil ich vor der Krankheit die Aufgabe wahrscheinlich nie hätte richtig machen können. Tanja ist gelernte und erfahrene Friseurin und was Haare, - vor allem ihren eigenen - angeht, verständlicherweise sehr anspruchsvoll. Ich dagegen frage mich, wie es möglich ist, überall gleiche Haarlängen hinzubekommen. Beim Nachdenken erkenne ich mit Erschrecken: ME/CFS zwingt dazu, viel von der eigenen Erwartungshaltung zu reduzieren und auch manches Unprofessionelle zu akzeptieren.

Nachdem die Pause vorbei ist, versuche ich meine angelernten Fähigkeiten so gut es geht, richtig auszuführen. Anfangs ist es allerdings wie immer: Entweder halte ich das Elektrogerät zu nah an den Kopf oder ich halte den Fön im falschen Winkel. Wie bewundere ich die Fachleute in den Friseursalons - die haben aber auch drei Jahre Ausbildung hinter sich. Weitere Fehler folgen: In meinem Unwissen greife ich zum Beispiel in die Haare und drücke sie platt. Ich höre: „Für Locken ist das nicht gut.“

Nach einigen liebevollen Anweisungen bin ich endlich im Thema - zumindest bilde ich mir das ein. Ich nehme vorsichtig ein Lockenbüschel in die Hand, führe sie vor den Fön und trockne sie. Wenn es still bleibt, habe ich wohl wieder was gelernt und richtig gemacht.

Wichtiger als das ist mir aber: Ich kann mit meiner laienhaften Unterstützung meiner Frau helfen, Normalität und auch eine gewisse Form von positiver Weltsicht zurückzugewinnen. Ich weiß: Für Frauen und besonders für Friseurinnen sind Haare viel mehr als nur Körperteile, sie sind Ausdruck von Würde. 

Gut 15 Minuten später ist unser kleines Ritual beendet. Wir umarmen uns und freuen uns an einer kleinen „guten Zeit“ in einer sonst sehr belastenden Krankheitssituation. 

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