Die Flut, die in der Pause kommt

Die Flut, die in der Pause kommt
Photo by MARIOLA GROBELSKA / Unsplash

Sonntagnachmittag – es ist fast der erste Zeitpunkt in dieser Woche, in dem ich keine pflegerischen, organisatorischen oder administrativen Aufgaben erledige. 

Ich liege auf meinem Bett und spüre, wie das über die Woche rettende Adrenalin nachlässt und in mir rasend schnell weggedrückte Emotionen durchbrechen. Zuerst im Kopf, dann im Bauch, schließlich im ganzen Körper. 

Sollte ich die Gefühle benennen, wären wohl Einsamkeit, Zukunftsangst und Mutlosigkeit die die richtigen Begriffe. Zudem fehlende Motivation, Perspektivlosigkeit und Überdrehtheit. Nicht zu vergessen ist auch das Gefühl. jederzeit krank werden zu können.   

Dass mich diese Emotionen von Zeit zu Zeit wie eine Welle überspülen, ist schon lange nichts Neues mehr für mich. Irgendwie bin ich schon daran gewöhnt und erwarte in gewisser Weise immer die Flut. Meine wichtigste Aufgabe ist es darauf vorbereitet zu sein und nicht darin unterzugehen.

Was mir dabei hilft, ist nicht die eine Methode, sondern ein Bündel von Optionen. Mal ist es klassische Musik, mal sind es Schokolade oder zwei Tüten Kartoffelchips, mal ist es das „Zappen“ durch das Internet. Mein wichtiges Hilfsmittel ist ein Buch, in dem ich meine Gedanken aufschreibe und ordne. Sport ist zudem eine Methode, allerdings nur, wenn meine physische Verfassung es zulässt. 

Was mir im Laufe der Zeit klar geworden ist: Bei allen genannten Hilfsmitteln zählen vor allem die Länge und der Inhalt. Wird mir ein Buch zu schwer, klappe ich es zu, ist der Video-Podcast zu anspruchsvoll, schalte ich ihn aus. Sind zu viele Menschen im Sport-Studio, verlasse ich es. 

Durchhalten und konsequent sein, ist für mich längst kein Prinzip mehr. Bei mir gilt: Wenn nur ein Anflug von körperlicher, emotionaler oder sonstiger Überforderung kommt, bin ich raus. Für mich, der gläubig ist und auf Gottes Unterstützung baut, heißt das zum Beispiel auch: Keine 60minütiger Gottesdienst mehr in der Kirche, sondern kurze Impulse aus dem Internet.  

Und noch ein Prinzip ist mir ganz persönlich zur Regel geworden. Gespräche über meine Pflege-Situation und meine damit verbundenen Emotionen finden nur noch ganz selten und nur noch mit ganz wenigen, wirklich vertrauten Menschen statt. Bei der Mehrzahl der täglichen Kontakte – besonders in der beruflichen Umgebung – halte ich das Prinzip: Gute Miene machen, positiv wirken und auf Small Talk übergehen. Die meisten Menschen – auch die, die „Wie geht es Dir fragen“, sind von der Realität überfordert und wollen die Realität sowieso nicht wissen. 

Hier Energie zu verschwenden, lohnt sich nicht. Dies gilt in meinen Augen übrigens auch für Psychologen.    

Ich würde gern wissen: Wie geht Ihr Angehörigen mit den emotionalen Krisen um? 

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